Jens Kerbel

FOTOGALERIE | VIDEO

 

 

Sinan Ünel

 

PERA PALAS

 

In einer Übersetzung von Constanze Hagelberg

 

 

 

 

Istanbul, Weltstadt am Bosporus. Hier treffen Orient und Okzident aufeinander. Mitten im Zentrum das legendäre Grandhotel Pera Palas, in dem Agatha Christie ihren »Mord im Orientexpress« schrieb. Das Haus atmet den Geist der »Belle Epoque«. Dieses Hotel ist Zentrum des gleichnamigen Stücks »Pera Palas«, das auf raffinierte Weise drei Geschichten aus verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verknüpft.
Da ist die junge englische Autorin Evelyn Crawley, die 1918, als Istanbul noch Konstantinopel hieß und Hauptstadt des Osmanischen Reiches war, die majestätische Stadt besucht. Als erste westliche Frau wird sie in den Harem eines Paschas eingeladen. Als Feministin kann sie kaum nachvollziehen, wie die Frauen es in diesem »goldenen Käfig« aushalten. Ebenso wenig können die Frauen im Harem verstehen, dass Evelyn ihre Unabhängigkeit schätzt. Doch die Zeiten sind unruhig. Das Ende des ersten Weltkrieges markiert auch den Untergang des Osmanischen Reiches. Unter Mustafa Kemal, heute bekannt als Atatürk, werden die türkische Republik gegründet, das Sultanat abgeschafft, der Laizismus (Trennung von Religion und Staat) eingeführt, das Tragen von Schleiern verboten und Männer und Frauen für gleichberechtigt erklärt. Eine Zeit des demokratischen Fortschritts in der Türkei. Aber können staatliche Reformen auch das Denken der Menschen verändern?
Der zweite Zeitstrang spielt 1952/1953. Die junge Amerikanerin Kathy ist in den Türken Orhan verliebt. Ihre Schwester Anne ist skeptisch. Kann das gut gehen? Die Zeiten haben sich geändert. In den Zeitungen sind Frauen mittlerweile im Badeanzug abgebildet, und sie arbeiten ganz selbstverständlich. Trotzdem halten die Menschen an der Tradition fest. Orhans Mutter ist strikt gegen die Verbindung ihres Sohnes mit einer Ungläubigen. Auch Kathy hat ihre Zweifel. Kann Liebe stärker sein als alle kulturellen Unterschiede?
1994. Murat hat neun Jahre lang in Amerika gelebt. Jetzt ist er wieder in seiner Heimatstadt, zusammen mit seinem Lebensgefährten Brian. Eigentlich möchte er nichts lieber, als in den Schoß der Familie zurückzukehren, kann sich aber einfach nicht überwinden seine Eltern anzurufen. Sein Heimatland ist unterdessen wieder fest in der Hand einer islamischen Elite.

Das dramaturgisch brillant gearbeitete Werk behandelt ein Jahrhundert türkischer und europäischer Geschichte von den liberalen Reformen Atatürks bis zum Erstarken des religiösen Fundamentalismus unserer Tage. Es ist voller Geheimnis, Pathos, Tragödie und Humor.

 

 

 

Inszenierung: Jens Kerbel

Ausstattung: Gesine Kuhn

Musik: Stephan Ohm

Licht: Carsten George

Dramaturgie: Lena Fritschle

 

Mit: Anjo Czernich, Stefan Eichberg, Stella Goritzki, Frank Lienert-Mondanelli, Judith Lilly Raab, Paul-Louis Schopf, Raik Singer, Tamara Theisen, Sabine Unger, Sven-Marcel Voss, Katharina Voß

 

 

 

weitere Informationen unter:

 

_________________________________________________________________________________________

 

PRESSE:

 

nachtkritik, 19.03.2017

 

Pera Palas – Das Theater Heilbronn untersucht mit Sinan Ünels Generationenepos die spannungsreiche türkische Geschichte des 20. Jahrhunderts

  

Die Fremde hinter dem Vorhang

 

von Steffen Becker

 

Heilbronn, 19. März 2017. "Türkische Männer machen sich keine Gedanken über die Gefühle von Frauen" – ein Satz, der im Publikum des Theaters Heilbronn breites Gelächter auslöst. So hat man es ungefähr schon immer geahnt, und wenn's denn wie hier sogar eine türkische Figur sagt... Aber Sinan Ünels Stück "Pera Palas" hat eine ganze Menge mehr zu bieten als Klippklapp-Wahrheiten aus dem Klischee-Magazin.

Das Stück stammt von 1995 und wird damit beworben, dass es prophetisch die Entwicklung der Türkei vorgezeichnet habe. Marketingtechnisch ein gelungener Schachzug – auf die Premierengäste warten SWR-Kameras. Dass man als aufmerksamer Zuschauer nicht versucht ist, ihnen gegenüber statt über Theater über Erdogan zu reden, verdankt man einem poetischen Text und einer klugen Inszenierung.

 

In Zeiten der Umbrüche

 

In miteinander verbundenen Familiengeschichten mit türkischen und westlichen Protagonisten blickt Ünel auf die Zeit nach Ende des 1. Weltkriegs, auf die 50er und die 90er Jahre. Es sind Zeiten gesellschaftlicher Um- und Aufbrüche. Die eingereisten Figuren spielen in den Geschichten eine genauso große Rolle wie die einheimischen – im Scheitern daran, dem Land echtes Interesse entgegenzubringen statt guter Ratschläge und Faszination für Orient-Klischees. Nicht umsonst prangt auf dem Programmheft die Frage "Fühlst du dich fremd?" Sie stellt sich in beide Richtungen.

  

Besonders deutlich wird das in der ersten Epoche: Die englische Schriftstellerin Evelyn Crawley erhält unverhofft Zugang zu einem Harem und versucht ihre junge Freundin Melek von einer arrangierten Heirat abzubringen. Ganz aufgeklärte Dame verteidigt sie gleichzeitig "die Türken" vor allzu ignoranten Vorstellungen ihrer Landsleute. Judith Lilly Raab spielt diese Figur in einer austarierten Mischung aus wohlmeinend und besserwissend – elegant in der Erscheinung, vorschnell im Urteil: Ihr Schützling stirbt unglücklich im Exil, das dem Atatürk-Putsch folgte.

In den 50ern hingegen wirkt der Türke Orhan wesentlich moderner als die von ihm umworbene amerikanische Lehrerin Kathy. Stella Goritzki spielt sie als Petticoat-Girl, das den Türkei-Aufenthalt als Chance sieht, aus einem kontrollierten Leben auszubrechen. Naiv, lebenshungrig und schließlich ernüchtert, dass sie die familiären Strukturen und Traditionen falsch bzw. gar nicht eingeschätzt hatte.

 

Heimkehr fürs Outing

 

In den 90ern schließlich hat ihr Sohn Murat seinen Lebensgefährten Brian im Schlepptau und will reinen Tisch machen. Paul-Louis Schopf und Anjo Czernich als schwules Paar sind ein Highlight der Inszenierung. Sie frotzeln und streiten hinreißend – wobei der amerikanische Freund nicht begreift, dass es dem türkischen Sohn aus viel mehr Gründen als nur dem Outing Kummer bereitet, seine Familie aufzusuchen. In einem furiosen Finale sind die Protagonisten schließlich ermattet und die Schichten der Familiengeschichte werden nüchtern abgetragen. Keiner wurde die Person, die sie oder er werden wollte in den Zeiten disruptiver Veränderungen. Eine Erfahrung, die die westlichen Protagonisten mit ihren vergleichsweise linearen Generationswechseln nicht teilen.

  

Anker der Familiengeschichte über ein Jahrhundert ist das namensgebende Hotel Pera Palas, das in allen Epochen eine Rolle spielt. Bühnenbildnerin Gesine Kuhn setzt dabei auf Minimalismus – Vorhangstoff als Bühnenbegrenzung wie man ihn von Hotelzimmern kennt, bewegt von einem leichten Luftzug, der den Blick auf den Bosporus realistisch erscheinen lässt. Auf der Bühne selbst nur Holzschrägen, über- und ineinander verschachtelt wie die Geschichten. Deren Protagonisten – ihren Epochen zuzuordnen über die Kleidung – betreten sie abwechselnd und zum Schluss gleichzeitig: Wenn die Jahrhunderte in der Inszenierung parallel aufeinanderprallen und das Panorama eines Familienepos und einer Kulturgeschichte sich ganz entfaltet.

"Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer ein größeres Verständnis mitnehmen über die Türkei (...). Ich hoffe, dass der Zuschauer auch erkennt, dass wir nicht ganz ohne Verantwortung sind für das was in der Türkei jetzt passiert", sagte Regisseur Kerbel dem SWR. Den richtigen Zeitpunkt dafür hat er gefunden, die richtigen Mittel der Inszenierung auch.

 

 

Ludwigsburger Kreiszeitung, 22.3.2017

 

Ein Blick in die Seele des Orients

 

"Pera Palas" wird am Heilbronner Theater hervorragend in Szene gesetzt

 

von Armin Bauer

 

Heilbronn. Manchmal ist das Glück demjenigen hold, der gute Ideen hat und auch den Willen, sie umzusetzen. So geschah es auch den Spielplanmachern des Heilbronner Theaters um Intendant Axel Vornam und Chefdramaturg Andreas Frane. Es war vor ungefähr zwei Jahren schon absehbar, dass die Entwicklung in der Türkei spannend bleiben wird, aber dass die Heilbronner Premiere von "Pera Palas" des türkischen Autors Sinan Ünel nahezu punktgenau mit den vorläufigen Höhepunkten der Entdemokratisierung der Türkei zusammentreffen würde, war so nicht absehbar.

 

So kann ein ohnehin aktuelles Stück noch dichter an die Realität heranrücken. Mit Jens Kerbel hat man einen Regisseur gefunden, der das schon 1995 mit geradezu seherischem Blick entstandene Stück so in Szene setzt, dass Blicke in die Tiefen der Seelen, der Menschen und auch der Nationen möglich werden.

Gekonnt verwoben hat Ünel wesentliche Punkte aus der Geschichte der Türkei, drei Generationen ziehen an den Zuschauern vorüber, hundert Jahre, in denen sich das Land nun zum zweiten Mal drastisch verändert.

Die interessante Frage dabei ist, ob sich auch die Menschen verändert haben, ob sich sich überhaupt ändern. Klammer für das Geschehen ist das berühmte Grand-Hotel Pera Palas, als Symbol gedacht, als Ort, an dem sich Türkei und Westen, Orient und Okzident treffen.

 

Die erste Episode spielt vor hundert Jahren, als Kemal Atatürk den modernen, laizistischen türkischen Staat gegründet hat. Nicht am großen Beispiel, sondern in der kleinen Person der jungen Engländerin Evelyn Crawley, die eingeladen wird in den Harem des Sultans. Die zweite Episode führt uns in die Fünfziger, die Folgen der Öffnung sind sichtbar, es ist möglich, dass die Amerikanerin Kathy den Türken Orhan liebt. Aber wie weit sind die Köpfe? Orhans Mutter ist strikt gegen die Verbindung mit einer Ungläubigen. Kathy wird einen Sohn haben, Murat, der in der dritten Episode im Jahr 1994 aus Amerika voller Sehnsucht nach der Geborgenheit der islamischen Familie, zu seinen türkischen Wurzeln, seinen Eltern zurückkehrt - mit dabei sein Partner Brian und das Problem, seine Homosexualität seinen Eltern näherzubringen. Und das in einem Land, in dem die islamischen Kräfte längst wieder die Oberhand gewinnen.

 

Auf den Punkt präsent

 

Jens Kerbel hat sich zu einer sehr textlastigen Inszenierung entschlossen. Auf der ebenfalls eher minimalistisch gestalteten Bühne lässt er die Figuren entstehen, durchlebt die Epochen. Mit einer Lebendigkeit, die sich aus der Sprache entwickelt. Das verlangt den Akteuren sehr viel ab. Die Schauspieler sind auf den Punkt präsent, so mancher Dialog wird zu einem Highlight und am Ende eines sicher anstrengenden Theaterabends geht man mit dem Gefühl nach Hause, ein Stückchen Wahrheit über die Seele des türkischen Volkes, seine Widersprüche und seine Sehnsüchte mitzunehmen.

 

 

Weitere Kritiken folgen