Jens Kerbel

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Gioconda Belli

 

DIE WERKSTATT DER SCHMETTERLINGE

 

In einer Bühnenfassung von Jens Kerbel

 

 

 © Thomas Braun

 

Vor langer Zeit gab es viele Tiere und Pflanzen noch nicht. Sie mussten erst erschaffen werden. Das war die Arbeit der »Gestalter Aller Dinge«. Für diese galt ein strenges Gesetz: Sie hatten die Tiere für das Tierreich zu schaffen und Pflanzen für das Pflanzenreich. Dies durften sie auf keinen Fall durcheinander bringen. Einer der jungen »Gestalter Aller Dinge« war Rodolfo. Er war sehr geschickt und überlegte heimlich mit seinen Freunden, wie sie diese strenge Regel umgehen könnten. Am liebsten wollte Rodolfo ein Wesen schaffen, das wie ein Vogel und gleichzeitig wie eine Blume sein sollte. Das war zwar verboten, aber dennoch sein größter Traum, an den er Tag und Nacht dachte.
Der »Weisen Alten«, die im Reich der Gestalter für Ordnung sorgte, war die Heimlichtuerei der jungen Leute gar nicht recht. Sie redete ein ernstes Wörtchen mit ihnen und schickte sie in die Werkstatt für Insekten, die niemand wirklich mochte. Doch Rodolfo und seine Freunde ließen sich nicht entmutigen und erfanden viele lustige Insekten, wie einen Käfer mit einem Panzer wie eine Schildkröte nur rot mit schwarzen Punkten oder ein winzig kleines, aber sehr starkes Insekt, das sie Ameise nannten. Seinen Traum von dem Wesen, das schön ist wie eine Blume und fliegen kann wie ein Vogel, gab Rodolfo nicht auf. Und eines Tages hatte er die Idee für das schönste aller Insekten, den Schmetterling.

 

 

 

 Inszenierung: Jens Kerbel

 Bühne und Kostüme: Gesine Kuhn

 Licht: Carsten George

 Dramaturgie: Eva Bormann

 

 Mit:

 Anja Willutzki, Henry Arturo Jiménez, Manuel Sieg

 

 

 

 

 

 Premiere am 21.02.2016, Theater Heilbronn

 

 

 

  

weitere Informationen unter:

 

 

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PRESSE:

 

Heilbronner Stimme, 23.02.2016

Wie das Niesen eines Regenbogens

Heilbronn. Man muss sich den kleinen Rodolfo als Nervensäge vorstellen. Wenn einer zu diesem Nachwuchsgestalter sagt: Das kannst du nicht, das darfst du nicht. Und überhaupt: Das geht überhaupt nicht. Dann quengelt er, wie nur kleine aufsässige Besserwisser quengeln. Geht aber doch, sagt er dann, muss gehen. Und wer will mir überhaupt etwas verbieten? Rodolfo wird sich zurückziehen. Grübeln, verzweifeln, wieder aufstehen, wieder scheitern, noch einmal den Mund aufmachen. Geht doch, sagt er dann. Muss gehen.

 

Solche Gestalten braucht die Welt: Gestalter, die unbedingt etwas bewegen wollen, im Zweifelsfall auch ohne Rücksichtnahme. Wenn es denn sein muss. Was aber, wenn es sich bei solchen Gestaltern nicht einfach um Designer geht, sondern um Weltengestalter?

Weise Alte Darum geht es in der märchenhaften Geschichte "Die Werkstatt der Schmetterlinge" der nicaraguanischen Autorin Gioconda Belli, die jetzt in der Regie von Jens Kerbel in der Boxx Premiere hatte. Dann gibt es vielleicht doch eine höhere Instanz, die ein Wörtchen mitreden möchte. Gioconda Belli, fern jedes religiösen Bezugs, nennt diese Gestalt dann nicht Gott oder Gaia: Es ist die weise Alte, die darauf achtet, dass die Gesetze der Natur eingehalten werden.

 

Ihre Gestalter mögen Tiere für das Tierreich erschaffen und Pflanzen für das Pflanzenreich. Damit alles seine Ordnung hat. Und Rodolfo, gespielt vom quirligen Henry Arturo Jiménez? Er will und wird sich nicht fügen und wird zusammen mit seiner Latzhosenbande um Feodora (Anja Willutzki) und Paganini (Manuel Sieg), die ihn allzeit unterstützen, aufmuntern und antreiben, zu den Insekten strafversetzt.

 

Da kann er kein Unheil anrichten, oder etwa doch? Vor der weisen Alten (Anja Willutzki als köstliche Oberhexe) ahnen schon die jüngsten Theaterbesucher im Publikum − das Stück spricht Kinder ab dem Grundschulalter an − dass Rodolfo pfiffiger sein wird als es der weisen Alten gefällt. Zusammen mit seinen Freunden wird er die Ameise erfinden und den Tausendfüßler, die Spinne und die Biene. Und zur Strafe und zur Ablenkung aller anderen neunmalklugen Gestalterkollegen: die nervige Fliege. Und dann begibt sich Rodolfo wieder in seine Gestalterwerkstatt und erfindet was? Ein Wesen, das fliegen kann wie ein Vogel und so zart und bunt ist wie eine Blume. Das fast nichts wiegt, ein Wesen "wie das Niesen des Regenbogens": einen Schmetterling. Der Regenbogen, das muss Kind wissen, wurde von einem Vorfahren von ihm erfunden.

 

Als frontales Erzähltheater und ohne viel Schnickschnack hat Jens Kerbel dieses Märchen für die Bühne adaptiert, das allein durch seine ganze Schlichtheit zu überzeugen weiß. Langsam entwickelt er die Geschichte mit vielen kindgerechten Wiederholungen: Als Lob der Schönheit der Welt, als Lob der Freundschaft. Und als Aufforderung an die Kinder, sich nur nicht nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Wenn ihr etwas machen wollt, so Kerbers Rodolfo, dann bleibt dabei. Lasst es euch nicht ausreden.

 

Damit es nicht gar so schlicht wird, hat Gesine Kuhn einen Augenschmaus von großer, beweglicher Himmelskarte entworfen, aus der allerlei geheimnisvolle Räume aufploppen: Hier dürfen Kinder und ihre Eltern gemeinsam forschen und sich an den vielen naturkundlichen Zeichnungen erfreuen, die ganz frei nach Albrecht Dürer entstanden sind. Und die Kinder? Sie werden sich sowieso sofort daheim fühlen in dem Bühnenbild, das als Hommage an die bunte Welt des Kinderbuchillustrators Wolf Erlbruch zu verstehen ist.

 

 

Von Michaela Adick

 

 

 

 

Fränkische Nachrichten, 25.02.2016

Ein Wesen, so bunt wie eine Blume  

"Schmetterlinge wiegen fast nichts. Sie sind leichter als eine Briefmarke oder ein Blatt im Wind. Sie sind so leicht, als ob die Sonne mit den Wimpern zuckt und vom Licht geblendet ihre Augen rot und gelb blinzelten. Schmetterlinge sind wie das Niesen des Regenbogens", so beginnt die Theaterfassung des gleichnamigen Kinderbuchs "Die Werkstatt der Schmetterlinge" von Gioconda Belli. Jens Kerbel (Regie), Gesine Kuhn (Ausstattung) und Eva Bormann (Dramaturgie) haben das Dreipersonen-Stück (für Kinder ab sechs Jahren) für die Boxx des Theaters Heilbronn eingerichtet.

 

Entdecker, Erfinder, Eroberer

 

Künstlerische Vordenker der Bühnenmalereien sind Hieronymus Bosch und Albrecht Dürer, dessen "Das Rasenstück" und "Rhinocerus" den Hintergrund, dessen Himmelskarte die Drehscheibe in der Mitte der Boxx zieren. Übergroße Atlanten und Seefahrerkarten versetzen in die Epoche der Entdecker, Erfinder und Eroberer.

Dort, vor langer Zeit an geheimem Ort, lebten die "Gestalter aller Dinge". Eine Herrscherin, die "Weise Alte" genannt, wachte darüber, dass die Gesetze befolgt werden. So war es nicht erlaubt, Bäume zu erschaffen, die wie Vögel singen oder Vögel, die anstelle von Eiern Äpfel legen.

 

Beethovens Anfangsmotiv der "Schicksalssinfonie" eröffnet die Inszenierung. Mit dem markanten Fanal erwacht der Erfindergeist der drei Gestalter. Sie heißen Rodolfo (Henry Arturo Jiménez), Feodora (Anja Willutzki) und Paganini (Manuel Sieg) und sind munter am Zeichnen und Basteln, um viele schöne Dinge, die es noch nicht gibt, zu erschaffen. Eines Tages stellen sie fest, dass sie alle von einem ganz besonderen Wesens geträumt haben: Es soll so schön sein wie eine Blume und so frei wie ein Vogel. Diesen Traum verfolgen sie gemeinsam, auch wenn es ganz danach aussieht, als würde die Verwirklichung gegen die Regel der Trennung von Pflanzen- und Tierreich verstoßen. Als die Weise Alte davon Wind bekommt, werden die jungen Gestalter in die Werkstatt der Insekten strafversetzt. Da dürfen sie sich solche Spinnereien ausdenken.

 

Prompt erfinden sie als erstes eine Spinne. Es folgen Tausendfüßler, Ameise und Biene. Die drei geben ihren Traum nicht auf. Schließlich erfinden sie die Libelle, die kann zwar fliegen, aber sie scheint ihnen noch nicht bunt genug, um die Menschen zu erheitern.

Wie sollte das neue Geschöpf einmal heißen? "Schmetterling!" ruft ein Kind aus dem Zuschauerraum. Die sechs bis 60-Jährigen sind mit Spaß bei der Sache.

 

Allerlei Wissenswertes erfährt man quasi nebenbei über die Stärke von Ameisen, die Elastizität von Spinnenfäden und den Nutzen von Bienen. Hübsch sind die Musik-Einspielungen, deren Paten virtuose Wunderkinder wie Mozart und Paganini sind.

 

Das Stück, gedacht als ein Lob an die Schönheit der Natur ist zugleich eine Ermunterung für Visionäre, Träumer und alle wissbegierigen Zeitgenossen, sich Ziele zu stecken und beharrlich zu verfolgen. […] Der Mikrokosmos ist und bleibt eine faszinierende und schützenswerte Welt. […]

 

Von Leonore Welzin