Jens Kerbel

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Wolfgang Herrndorf

 

TSCHICK

 

Bühnenfassung von Robert Koall

 

 

 

 

Wenn man keinen Spitznamen hat, ist man entweder wahnsinnig langweilig oder man hat keinen Freund, glaubt der 14-jährige Maik Klingenberg und schlussfolgert, dass auf ihn wohl beides zutrifft. Er lebt mit seinen Eltern in einer teuren Villa, aber sie streiten sich nur und interessieren sich nicht für ihn. Fast als einziger ist er nicht zum »Ereignis des Jahres«eingeladen, der Party bei der schönen Tatjana, in die Maik heimlich verknallt ist. »Da war die Scheißschule, und da war das Scheißmädchenthema, da gab es keinen Ausweg. Dachte ich jedenfalls immer, bis ich Tschick kennenlernte.« Tschick heißt eigentlich Andrej Tschichatschow, ist Russlanddeutscher und kam vor vier Jahren ohne ein Wort Deutsch zu können nach Deutschland. Zunächst auf die Förderschule, dann die Hauptschule, dann auf die Realschule, und jetzt hat er es sogar aufs Gymnasium geschafft. Tschick ist auch Außenseiter, aber es scheint ihm nichts auszumachen.
Als die Sommerferien beginnen, fährt Maiks Mutter wieder in die alsBeautyfarm getarnte Alkoholentzugsklinik und sein Vater mit der jungen Assistentin auf Geschäftsreise. Der Junge soll es sich zu Hause gemütlich machen, 200 Euro liegen für ihn bereit ... Da steht Tschick mit einemgeborgten Lada vor Maiks Tür und will mit ihm in den Urlaub fahren. Es beginnt die aufregendste und tollste Woche ihres Lebens, in der Maik nicht nur die faszinierende Isa kennenlernt, sondern in der er immer weniger versteht, warum sein Vater ständig sagt: »Die Welt ist schlecht und der Mensch ist schlecht. Vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.«   

»TSCHICK sei eine Geschichte, die man gar nicht oft genug erzählen kann«, schrieb die FAZ. Es ist ein wilder, romantischer Abenteuertrip, für den Wolfgang Herrndorf 2011 mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet wurde. In seinem großartigen, für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman erzählt der 1965 in Hamburg geborene und 2013 in Berlin verstorbene Autor vom aufregenden Sommer des Erwachsenwerdens, von der Schönheit und den Schmerzen der ersten Liebe, von riesiger Abenteuerlust und großer Dummheit und von tollen Menschen in der deutschen Provinz.

 

 

 

Inszenierung: Jens Kerbel

Ausstattung: Gesine Kuhn

Licht: Michael Herold

Dramaturgie: Stefan Schletter

 

 

Mit:

Katharina Leonore Goebel, Hannes Schumacher, Manuel Sieg

 

 

Premiere am 09.01.2015, Theater Heilbronn, BOXX

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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PRESSE:

 

 

Heilbronner Stimme, Montag, 12.01.2015

 

Der Sommer des Aufbruchs

Heilbronn - Vom Publikum gefeiert: Wolfgang Herrndorfs "Tschick", inszeniert von Jens Kerbel in der BOXX des Stadttheaters
 

Von Uwe Grosser

Freiheit ist immer auch das Freisein von Zwängen, sich nichts und niemandem unterwerfen müssen, tun können, was man selbst für richtig hält. Insofern sind Maik und Tschick auf einem großen Freiheitstrip. Zwei vierzehnjährige Außenseiter, die vieles satt haben, es zumindest für eine Weile hinter sich lassen wollen, aber auch nicht so recht wissen, wohin es mit ihnen gehen soll. Wie damals Billy und Wyatt im Dennis-Hopper-Film "Easy Rider" von 1969. Die waren zwar schon erwachsen und mit zwei Motorrädern auf dem Weg durch die USA, doch auch sie waren unterwegs um das Land der Freiheit und sich selbst zu finden.

Bürgersöhnchen "Tschick" heißt der 2010 erschienene Roman von Wolfgang Herrndorf, der sich 2013 das Leben nahm. "Tschick" ist die Geschichte eines wunderbaren Sommers, in dem sich das brave Bürgersöhnchen Maik und sein verwegener russischstämmiger Freund Tschick mit einem gestohlenen Lada von Berlin aus auf den Weg machen, um in die Walachei zu fahren - wo immer das auch sein mag. Die von Robert Koall erstellte Bühnenfassung hatte am Freitagabend Premiere in der BOXX des Stadttheaters und wurde vom Publikum begeistert gefeiert.
 

Gleich zweifach platziert Regisseur Jens Kerbel ein Zebra auf der Bühne: Ausgestopft und als großes Bild. Das Fluchttier als Symbol für die Reise der beiden Teenager. Sind sie aber wirklich auf der Flucht, oder doch eher auf der Suche? Egal, denn am Ende sind sie andere geworden, haben viel gelernt, über sich, über das Leben, über die Lügen der Erwachsenen, oder das verflixte Verliebtsein. Und offener sind sie geworden, in dem sie anfangen, alte Vorurteile zu hinterfragen.

Glaubwürdig Roadmovie, Entwicklungsroman, Geschichte einer Freundschaft, Selbstfindungstrip: "Tschick" hat von allem etwas, und Kerbel baut aus diesen Elementen einen großartigen Theaterabend, in dem er mit wenigen Requisiten (Ausstattung: Gesine Kuhn) eine Welt entstehen lässt, in der seine Figuren glaubwürdig, authentisch, ja mitreißend agieren. Mit feinem Gespür für Stimmungen hält Kerbel die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und überdrehter Komödie: Da sitzt jeder Witz, aber auch jeder Moment der Nachdenklichkeit.
 

Das große Glück des Regisseurs sind die drei Schauspieler, die ihre Rollen - und das spürt man - tatsächlich leben, beeindruckend darin aufgehen. Anfangs nervt Hannes Schumacher als Maik mit seinem Grimassieren zwar etwas, doch im Moment des Aufeinandertreffens mit Tschick, diesem coolen Typen, wird deutlich, welch verunsicherter, selbstzweifelnder Jugendlicher da steht. Ein Häufchen Elend, das nicht mal zum Geburtstag der begehrten Klassenkameradin Tatjana eingeladen wurde. Aber was ist Tatjana gegen einen wie Tschick, der am ersten Ferientag mit einem gestohlenen Lada bei Maik auftaucht, ihn einlädt, und los geht die Reise in eine Welt voller eigenartiger aber dennoch liebenswerter Menschen. Manuel Sieg ist umwerfend als Andrej Tschichatschow wie Tschick richtig heißt: So selbstbewusst, so lässig und doch auch sensibel.
 

Alle anderen Rollen übernimmt die unglaublich wandelbare Katharina Leonore Goebel: Vom verrückten Zausel Horst Fricke bis zu Isa von der Müllkippe, in die Maik sich verliebt. Eine starke Leistung, belohnt mit viel Applaus für ein insgesamt tolles Trio. Und wer weiß, vielleicht schwingen Maik und Tschick sich in zehn Jahren auf ihre Motorräder und machen sich noch einmal auf den Weg in eine neue Freiheit.

 

 

 

Fränkische Nachrichten, Montag, 12.01.2015

  

Premiere in der Boxx des Theaters Heilbronn: Jens Kerbel inszenierte die Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“

 

Mit dem Lada auf dem Weg in die Walachei

 

Von

 

Dieses Stück flutet derzeit die Theater: "Tschick", Robert Koalls Bühnenadaption des gleichnamigen Romans von Volker Herrndorf, hat in der Aufführungsstatistik des Deutschen Bühnenvereins im vergangenen Jahr lässig alle Klassiker weit hinter sich gelassen. Masse ist ja nicht unbedingt eine Maßzahl für Qualität. Aber hier schon: Herrndorfs Roman "Tschick", mit dem der todkranke Autor sich 2010 in die vordere Reihe der Jugendliteratur - irgendwo bei Jerome D. Salinger ("Der Fänger im Roggen") - geschrieben hat, verliert in der Bühnenversion nichts von seiner Authentizität.

 

Nett und durchgeknallt

 

In Heilbronn - Premiere war am am Freitag in der Boxx (ehemals Kammertheater) - inszenierte Regisseur Jens Kerbel "Tschick" als traumhafte Reise raus aus der Banalität und dem Zynismus von Schule und Elternhaus, bei der der Protagonist Maik zwar einen geklauten Lada schrottet, aber auch viele nette und ein bisschen durchgeknallte Leute kennen lernt und am Ende als junger Mann mit einer eigenen Persönlichkeit und eigenem Urteilsvermögen nach Hause zurückkehrt.

Maik ist ein Loser - noch nicht einmal zu einem Spitznamen hat er es gebracht (bis auf einmal, in der sechsten Klasse, als er nach einem Aufsatz über seine Mutter, die Alkoholikerin, "Psycho" gerufen wurde) - der Tatjana liebt, aber nicht zu ihrem Geburtstag eingeladen wird, der von seinem Vater rüde abgekanzelt und geschlagen wird. Maik aus gutem aber kaputtem Zuhause, der mit fassungslosem Staunen die Welt dort draußen erlebt - Hannes Schumacher spielt ihn als verletzlichen Jungen, der mit den endbescheuerten zynischen Lehrern und den gnadenlosen Mitschülern nicht zurecht kommt.

 

Maik ist ein Außenseiter, wie Tschick (Manuel Sieg), der eigentlich Andrej Tschichatschoff oder so ähnlich heißt, der sich von Lehrern nichts gefallen lässt, keine coolen Klamotten trägt - und natürlich ebenfalls nicht zu Tatjanas Geburtstag eingeladen wird. Von ihm lernt Maik, dass man Grenzen auch verletzen kann.

Tschick, der "Russe", klaut einen Lada (eines der wenigen Autos, die man noch kurzschließen kann) und macht sich bei Ferienbeginn mit Maik auf - nachdem dessen Mutter wieder einmal in die Entzugsklinik geht und sein Vater mit der jungen Assistentin in Urlaub fährt - zu einem Road Trip von Berlin aus durch die ostdeutsche Provinz. Sie werden die Walachei nicht erreichen, aber unterwegs treffen sie auf das eine Prozent Menschen, das in Ordnung ist: die Familie, die nicht im Supermarkt einkauft und bei der das Essen nach Quizfragen vergeben wird; den Schützen Horst Fricke, der in einem vom Braunkohle-Bergbau bedrohten Haus lebt und mit dem Luftgewehr um sich schießt; die ungeschickte und sprachmächtige Therapeutin - und natürlich Isa (Katharina Leonore Goebel), das genaue Gegenteil von Tatjana, in die sich Maik dennoch ziemlich schnell verliebt.

 

Der beste Sommer von allen

 

Zusammen erleben sie im "besten Sommer von allen" die wichtigen Dinge im Leben: Liebe, Erinnerung, Angst, das alles erzählt in einer Mischung aus Ironie und Melancholie.

Dass das Erwachsenwerden auch viel mit Träumen zu tun hat, das zeigt Bühnenbildnerin Gesine Kuhn, die die Bühne vor dem riesengroßen Bild eines Zebras im Wald schräg in den Raum gestellt hat.

Erzählt werden Roman und Theaterstück aus dem Blick von Maik, der dabei riesige Textmengen zu bewältigen hat. Hannes Schumacher schaffte das ohne Hänger und ohne Durchhänger im intensiven Spiel. Manuel Sieg war neben Tschick auch noch Maiks Vater. Und Katharina Leonore Goebel spielte alle restlichen Rollen. Das alles ging anderthalb vergnügliche und nachdenkliche Stunden ohne Pause und mit schnellem Tempo über die Bühne - das Publikum am Premierenabend war davon begeistert und bedankte sich mit langem Beifall.